Vom Feld und vom Wohnen – aus dem taz.blog

Feld 5Der Himmel über Berlin. Auf dem endlos weiten Tempelhofer Feld ins Blau kucken – unbezahlbar. Ausgerechnet hier Wohnungen bauen? Ja genau.
Ich liebe das Tempelhofer Feld, mal drehe ich mit dem Rennrad meine Runden, lege mich mit einem Buch ins Gras, spaziere durch die Allmendegärten. Für mich ist dieser wilde, weite Park die schönste Grünfläche der Stadt. In ihrer ganzen Unorganisiertheit, im Wildwuchs, im So-Lassen-wie-es-ist. Am kommenden Sonntag startet nun die Initiative „100 % Tempelhofer Feld“ zur zweiten Unterschriftenaktion. Der Name sagt alles: Das Tempelhofer Feld soll genau so bleiben, wie es ist. Unbebaut, unstrukturiert.
Ich teile diese Meinung. Solange es um absurde Wasserbecken, Klettertürme, Gartenbauauststellungen und sonstiges stadtplanerisches Pille-Palle geht. Jedoch: Berlin braucht Wohnraum, vor allem günstigen Wohnraum. Taktisch klug – oder fies, je nach Ansichtssache – hat nun Berlins Bausenator Müller angekündigt, 1700 Wohnungen am Rande des Feldes bauen zu wollen. Mietwohnungen, wohlgemerkt, und für unter acht Euro nettokalt. Nix Luxus, nix Schicki-Micki. Sondern bezahlbare Wohnungen. Die Lage ist genial, ein riesiger Park als Garten vor der Haustüre, dahinter direkt S- und U-Bahn-Anschluss, und zum Einkaufen mit dem Rad durch den Park. Wer hier einzieht, braucht kein Auto. Natürlich müssen noch viele Fragen geklärt werden. Wer darf hier bauen? Wer darf dann einziehen? Wer entscheidet, wann wirklich Schluss ist mit weiteren Plänen?
Wer in Großstädten lebt, muss immer mal wieder über seinen eigenen Schatten springen. Anders lässt sich das Zusammenleben nicht friedlich organisieren. Dazu gehört eben auch, wehmütig einzusehen, dass der schönste Park der Stadt am Rand ein paar neue Häuser verträgt. Nebenbei gesagt: Dazu würde auch gehören, drei Bäume (auf einer Brache in Schöneberg) nicht mit bunter Wolle zu umhäkeln um die Bebauung zu verhindern. In der Crellestraße, die voller Bäume steht, und hinter der sich an der S-Bahn-Böschung Fuchs und Hase Gute Nacht sagen können, so wild und grün ist es dort. Und, um noch eine weitere unpopuläre Haltung dranzuhängen: Dazu würde auch gehören, einige Kleingartenanlagen aufzulösen. Um dafür auf den riesigen innerstädtischen Grundstücken Mietwohnungen zu bauen und drumherum große Gemeinschaftsgärten anzulegen. Gemeinwohl statt Eigennutz.
Aber jetzt muss ich los. Aufs Feld, wie wir in Kreuzberg sagen. Die Bagger werden frühestens 2016 anrücken. Bis dahin will ich den Himmel über Berlin noch so grenzenlos genießen.
http://blogs.taz.de/stadtlust/?p=324&preview=true

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