Arrival City vs. Hellersdorf & Co – aus dem taz-Blog

FluchtDieses Foto hängt derzeit am “Deutschlandhaus” in der Berliner Stresemannstraße. Es erinnert an die Flucht bzw. Heimkehr von rund 25 Millionen Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg, und fragt man seine Eltern oder Großeltern nach dieser Zeit, wissen die meisten dramatische Geschichten zu erzählen von Krieg und Elend, Hunger und Gewalt und der großen Hoffnung, dass irgendwann irgendwo alles besser wird als dort, wo man aufgebrochen ist.

Wenige Kilometer weiter östlich, in Hellersdorf, sind Anfang August auch Menschen angekommen, die aus ihrer Heimat geflüchtet sind, ebenfalls in der Hoffnung auf bessere Zeiten. Doch vor ihrer neuen Haustüre spielen sich unterirdische Szenen ab.
Kleingeistige Egoisten und Nazi-Schergen marschieren mit Hassparolen auf, bis Anti-Faschos sie niederbrüllen. Gleichzeitig kommen “Asylfreunde” und andere Unterstützer vorbei, mit Kleidung, Deutsch-Büchern, Spielzeug, Zuspruch; sie sind – Danke liebe Berliner! – weit in der Überzahl (wenn auch bislang zumeist nicht aus der Nachbarschaft).

Die “Arrival-City”, die “Ankunfts-Stadt” mit einer Willkommenskultur – werden wir sie in Deutschland je hinkriegen? Der Autor Doug Sanders hat den Begriff erfunden und ein großartiges Buch darüber geschrieben, in dem er der deutschen Einwanderungspolitik ein katastrophales Zeugnis ausstellt. Seine These: Die Menschheit erlebt aktuell die größte Völkerwanderung ihrer Geschichte, denn ein Drittel der Weltbevölkerung zieht – über Provinzen, Länder, Kontinente hinweg – vom Land in die Städte. Die Ziele der Neuankömmlinge sind – egal aus welchem Land sie stammen oder in welche Stadt sie gehen – die gleichen. Doch ob sie Arbeit finden, soziale Netzwerke aufbauen, ihren Kindern Schulbildung und eine Zukunft ermöglichen können, hängt stark davon ab, ob die Stadt auf sie vorbereitet ist. Ob sie die Neuankömmlinge ermuntert, sich zu integrieren. Ob ihre Alt-Einwohnern daran glauben, dasss Diversität ein Gewinn ist. Oder nicht. Und stattdessen lieber enden wie Pjönjang, wo nur die leben, die immer schon dort gelebt haben.

Wie weit ist Berlin? Nicht nur in Hellersdorf tobt der Mob, auch in Wittenau und im reichen Westend sammelten unlängst Alt-Einwohner Unterschriften gegen ein Heim für Flüchtlinge; andere engagierten sich als direkte Reaktion darauf für die Neuankömmlinge, begrüßten sie in der Nachbarschaft und versuchen sie seither aktiv in den Kiez einzubinden. Bis Ende 2013 sucht der Senat für über 1000 weitere Menschen aus Krisenregionen eine Bleibe. Und so wird es weitergehen, solange die Welt ist, wie sie ist. Daher, Nachbarn: heißt sie willkommen. Und Berlin: sei Arrival City.

Fakten gegen Vorurteile gut zusammengefasst hier

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