Sorry, Darling! – Neues aus dem taz-Blog

IMG_0868Seit ich London verlassen habe, leide ich unter Nettigkeits-Entzug: Kein Mensch, zumindest kein fremder, hat mich seither Darling oder Sweetheart oder Lovely genannt, einfach so, aus reiner Liebenswürdigkeit. „Give me three seconds, darling“ baten die Kellnerinnen, wenn ich Cappuccino bestellte. „I´m sorry Honey, but the Post-Office is closed“ erklärte mir eine Jamaicanerin, die ich nach dem Weg zur Post fragte. „Take care, Lovely“, wünschten die Busfahrer beim Aussteigen – und ich antwortete, wie es sich in London gehört, mit „Thank you, driver!“

Nun hab ich stattdessen wieder die Berliner um mich…

– ein ganz anderer Schnack, aber ich finde ihre Rotzigkeit fast genauso charmant. Denn egal ob Londoner Liebeserklärungen, Berliner Schnauze oder Kölner Direktheit: Jeder Großstadt-Slang hat etwas Großartiges. Und hilft enorm beim Ankommen und Heimisch-fühlen.

Ich erinnere mich noch an meinen ersten Tag in Berlin. Verloren entfaltete ich irgendwo den Stadtplan, schon stakste ein Punk auf mich zu (damals gab´s noch keine Smartphones, dafür Punks…) und fragte: „Na, junge Frau, wo sollet denn hingehn?“ Da war ich schon begeistert – von der Stadt, dem schnoddrigen Umgangston, dem Kommunikationsdrang der Leute. Vor allem aber vom Fehlen von Schwulst. „Hier beginnt der pathosfreie Sektor“, steht auf dem Ortsschild von Berlin – fast so schön wie Darling und Sweetie.

In Köln checkte neulich eine Freundin ins Hotel ein, und der Typ am Empfang meinte zu ihr: „Ihr Zimmer liegt direkt über mir, machen Sie keinen Blödsinn, ich hör alles!“ Das kann man frech finden – oder super.

Und nochmal Berlin, diesmal in der U-Bahn, Wilmersdorfer Straße: Eine dralle Dame stakst ins Abteil, neben einem schicken Türken war auf der Bank noch ein Eckchen frei. Sie ruckelte ihre Kostümchen-Figur powärts in die schmale Lücke, sah den Mann an und blaffte: „Muss die Tasche sitzen?“ Gehorsam nahm der Herr seinen Aktenkoffer von der Bank und stellte ihn auf den Boden. „Sehn Se“, sagte die Berlinerin, „so isset doch für alle viel gemütlicher“.

Wohl wahr.

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Ein Gedanke zu „Sorry, Darling! – Neues aus dem taz-Blog

  1. Wenn ich in Deutschland bin, vermisse ich auch sehr die englische Höflichkeit. In dem Buch „Meine kleine grüne Insel“ habe ich das auch beschrieben. Ihr findet Leseproben unter http://www.woodburnmaria48.blog.de . IN wordpress findet Ihr einen Artikel über London.

    Viele liebe Grüße

    Maria aus England

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