Geselligkeit und Balz – aus dem taz.de-Sommerblog

Bildschirmfoto 2013-08-07 um 19.18.44Ein Abend in einer Kleinstadt. Ein junger Mann zieht um die Häuser. Er ist mein jüngerer Bruder, er nimmt mich mit zum Gang durch die Gemeinde, auf der Schwäbischer Alb. In der Pizzeria grüßt ihn der Besitzer mit Handschlag, die Kellnerin kennt ihn mit Namen. In einem Pub stehen Kumpels von ihm am Tresen, in der nächsten Kneipe kennt er einen ganzen Schwung Mädels. Keine Frage, mein Bruder fühlt sich hier wohl. Am Ende des Abends sagt er: „Ich will hier nie wegziehen. Wenn ich abends ausgehe, brauche ich mich nie zu verabreden, ich treffe immer jemanden, den ich kenne.“ Und ich, die große Schwester, die schon lange in der Großstadt lebt, antworte dann: „Und genau aus diesem Grund bin ich weggezogen.“

Wer gern in der Großstadt lebt, weiß den Vorteil der Anonymität zu schätzen. Wenn man an einem lauen Sommerabend spät nach Hause kommt, ist keiner da, der sich wundert: Wer kommt denn jetzt noch?

Rund die Hälfte aller deutschen Großstadtwohnungen wird von Singles bewohnt – einsam sind diese Singles nicht zwangsläufig. Schuld an der Zunahme allein lebender Menschen ist die Bildungsexplosion bei Frauen. Sie sind auf keinen Ernährer angewiesen, sind ökonomisch unabhängig, können sich das Alleine-Leben leisten.

Single A und Single B – das kann der Beginn von etwas sein. Oder auch nicht. Wenn dem Single am nächsten Morgen nicht gerade die Nachbarin im Treppenhaus begegnet, wird diese Episode das Geheimnis zweier Menschen bleiben. Bedauernswert hingegen die Bewohnerin des Dorfhauses, in deren Carport in einer Nacht jenes Auto stand, das keiner im Dorf je zuvor gesehen hat. Wird die Nachbarin unverblümt fragen, wer das war? Und was passiert erst, wenn nächste Woche ein weiteres, unbekanntes Auto hier parkt? Verstummen die Gespräche beim Dorf-Metzger – so es noch einen gibt – wenn die Single-Frau den Laden betritt?

Ein marokkanisches Sprichwort sagt: “Tu was deine Nachbarn tun oder zieh weg”. Aber das lässt sich nicht leicht befolgen, wenn man an ein Haus gekettet ist und nicht zur Miete wohnt, wie zwei Drittel der allein lebenden Städter. In der Großstadt, so heißt es, da kannst du wochenlang tot in der Wohnung vergammeln, und keiner merkt es. Wir meinen: Lieber so ein Tod in der Stadt als so ein Leben auf dem Land. Die Stadt ein Sündenpfuhl? Ja bitte. (bs)

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