Vögel-Paradies Großstadt – aus dem taz.de-Sommerblog

IMG_3370Heute aus: Köln

Der „Singende Biergarten“ ist eine Kölner Sommer-Institution. Bis zu 400 Leute treffen sich in einem alten Fort, um gemeinsam Lagerfeuerlieder zu schmettern, darunter auch: mein Cousin Jürgen. Letzte Woche, so erzählte er, flog ein Bussard über dem Freiluft-Chor, setzte sich auf die Festungsmauer und hörte eine Stunde lang zu. Ein echter Fan!

Tags darauf fielen Jürgen beim Joggen plötzlich kleine Früchte vor die Füße. Er guckte hoch – und entdeckte einen Schwarm wilder Papageien. Sie hockten in einem Baum und bespuckten ihn fröhlich mit Essensresten. „Also Bussarde und Papageien, das gibt es nur in Kölle!“ schrieb er mir begeistert. Nun, nicht ganz.

Wer mit offenen Augen und Ohren durch Großstädte spaziert, kann sich fühlen wie auf einer Vogel-Safari: Je größer die Stadt, umso mehr Arten bevölkern Parks und Gärten, Teiche, Brache und Hochhausdächer! Allein im Himmel über Berlin fliegen mittlerweile zwei Drittel aller mitteleuropäischen Brutvögel – von keckernden Amseln über vom Aussterben bedrohte Feldlerchen, Seeadler oder Seemöwen bis zu Nachtigallen. Wer hier morgens aus dem Club stolpert (oder so früh aufstehen muss), kann 1300 Nachtigall-Männchen jubilieren hören – das sind mehr als in ganz Bayern.

Ist das normal? „Klar“ sagt der Münchner Biologe Josef R. Reichholf. „Der Beginn der Stadt ist längst nicht mehr das Ende von Natur. Im Gegenteil, hier bekommt man mehr von ihr zu sehen.“ Nicht nur Papageien und Bussarde, auch Wanderfalken. In Nordrein-Westfalen etwa haben sich 80 Prozent der Brutpaaare statt auf natürlichen Horsten auf dem Land lieber auf städtischen Kirchen, Kraftwerkstürme oder Dächern ihr Nest gebaut. In Berlin beobachten Experten “eine regelrechte Landflucht der Vögel.“ Denn während die Artenzahl im Brandenburger Umland sich seit 2005 mehr als halbiert hat, ist sie in Berlin stetig gewachsen. Der Grund: In der zunehmend monotonen, Pestizid-belasteten Agrarlandschaft aus Mais und Rapsfeldern finden die Vögel nicht genug Nahrung. In der Stadt hingegen: reiche Auswahl, je nach Gusto, von Früchten bis zu kampfunerprobten Kleintieren.

Ich bin sicher: Es ist nicht nur das Fressen. Genau wie bei uns Menschen lockt auch die Vogelschar das städtische Kulturangebot in die Stadt. Oder gibt es auf dem Land etwa gratis-Konzerte für Greifvögel? (kat)

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